
Zeit Genossen
Das fotografische Porträt hat in den 60er Jahren eine deutliche Wende erfahren. Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Fotografie eine betont sachliche und distanzierte Abbildungsmentalität vorherrschte, rückt in der zweiten Hälfte das Subjekt in den Mittelpunkt. Es entwickelten sich kooperative Stile, die ein bis dahin unbekanntes und verpöntes Bild vom Menschen zur Veröffentlichung brachten.
In der Vorlesung wird diese Entwicklung nachgezeichnet, und ihr Einfluss auf die darauf folgende Fotografengeneration diskutiert. Der Bogen der herausragenden und gegensätzlichen Positionen reicht von August Sander, Walker Evans und Diane Arbus zu Cindy Sherman, Duane Michals, Arthur Tress, Rineke Dijkstra, Beat Streuli, Philip-Lorca diCorcia, sowie vielen anderen Vertretern der jüngeren Fotografie.
„Zeit Genossen“ soll nicht auf das menschliche Antlitz beschränkt bleiben. Welche Zusammenhänge müssen berücksichtigt werden, um ein Individuum innerhalb seines sozialen Gewebes zu verorten. Liefern etwaige Disparitäten des wirtschaftlichen oder kulturellen Lebens geeignete Ansätze, um das Bild eines „Zeit Genossen“ zu disponieren? Der antagonistisch gefärbte Disput über das Porträt hat längst die Grenzen der Disziplin hinter sich gelassen. Seither beziehen die fotografischen Bilder ihren Realitätsanspruch aus der Ausschöpfung von Polaritäten, etwa zwischen Inszenierung und Realität, Einzelbild und Serie, Schnappschuß und Studiobild.
